Ausstellungssituation mit großformatigen Bildern an mehreren Wänden und drei Betrachtenden ©iStock.com/nadia_bormotova

Dekolonisierung des Kanons im Haus der Kulturen der Welt im Berliner Tiergarten: Musafiri – Von Reisenden und Gästen

Laut Duden bedeutet der Begriff „Kanon“ Richtschnur und Leitfaden, ein Muster, an dem man sich orientieren kann. Aber wer oder was macht eigentlich den Kanon?

Das fragen auch Studierende der Kunsthochschule Köln in ihrem inspirierenden Blog „Kunstkanon 2punkt0.“ im Jahr 2021 und schließen aus der Bedeutungserklärung des Duden sinngemäß: 

Der Kanon, egal welcher Disziplin er entstammt, trifft eine Auswahl bestimmter Dinge und hebt sie hervor, macht sie ‚mustergültig‘. Daraus ergibt sich, dass es im Bestreben jeden Kanons liegt, nicht alles und jeden in sich zu vereinen und aufzunehmen, sondern nur eben eine bestimmte Auswahl ruhmreich zu machen. Als Funktion des Kanon gilt damit die Repräsentation und Selbstdarstellung und auch Identitätsstiftung. Im Bereich der Kunst wird er vermittelt durch ästhetische Normen, die wiederum Denk- und Handlungsweisen beeinflussen. Dass der Kanon dabei nicht alle repräsentiert, zeigt das weitgehende Fehlen diasporischer bzw. postmigrantischer Perspektiven.

Problematisch an der vermeintlichen Repräsentativität des Kunstkanons, der vornehmlich aus der Position weißer Männer besteht, sei daher, dass in einem Land, das inzwischen einen Prozentanteil von Menschen mit Migrationsgeschichte von 30% seiner Bevölkerung hat, dieser Anteil nicht repräsentiert werde.

„Zu einer Ausgrenzung aus dem Kanon von künstlerischen Positionen der Diaspora trägt auch die zirkuläre Argumentation bei, dass die Kanonizität von künstlerischen Arbeiten als Beleg für ihre Qualität akzeptiert wird, diese Arbeiten wiederum aber implizit definieren, was künstlerische Qualität sei. Diese Implikation führt wiederum zur Abwertung und zum Ausschluss einer Kunst, die sich nicht in die kanonisierten, gewohnten ästhetischen Formen einpassen lässt.“ schreiben die Student:innen im obengenannten, lesenswerten Blog.

 

Wie können kritische Kunst-Kurator:innen nun mit diesen vorhandenen Praktiken des Ausschließens und des Silencings umgehen?

Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin setzt ihnen ein Gesamtkonzept entgegen, in dessen Mittelpunkt eine jeweils aktuelle Kunstausstellung steht, begleitet von einem kulturellen Vermittlungsprogramm. Das Konzept lässt sich als eines der Dekolonisierung verstehen. Zurzeit ist es die Ausstellung: Musafiri – von Reisenden und Gästen.

Sie versammelt Begegnungen mit Künstlern in Weltregionen, die gewöhnlich nicht die Aufmerksamkeit unserer hegemonialen Weltsicht erhalten. „Das sind die Welten von furchtlosen Reisenden, von in der Vergangenheit unfreiwillig und brutal verschleppten Individuen und Communities sowie den immer dramatischeren Migrationsbewegungen im Hier und Jetzt“, heißt es im Begleitprogramm. Die Ausstellung durchquere Welten, die sich eröffneten, wenn man die Begrenzungen der gewohnten Umgebung verlasse und verfolge die künstlerischen Begegnungen, die daraus hervorgegangen sind.

Cosmin Costinaş, 1982 in Rumänien geborener Kurator des Hauses der Kulturen der Welt im Essay zur Ausstellung, die noch bis zum 16. Juni dort zu sehen ist:

„Das arabische Wort musafiri klingt mit einer erstaunlichen phonetischen Kohärenz in unterschiedlichen Sprachen und Kulturräumen an. Während das Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung und in den meisten dieser Sprachen den Reisenden bezeichnet, beschreibt es im Türkischen und Rumänischen den Gast, also die besondere Position des Willkommenseins. Ganz besonders im Rumänischen schwingt in musafir das Privileg des häuslichen Bereichs mit. Es ist ein Wort, das für diejenigen reserviert ist, die man im eigenen Heim empfängt.“

Die Ausstellung sei ein dringendes Plädoyer für die Anerkennung und Bekräftigung der polyphonen Welten all derer, die sich von den Orten ihrer Herkunft gelöst und auf den Weg gemacht haben, heißt es im Programmheft. Damit dürfen auch wir uns eingeschlossen verstehen, denn es geht auch um selbstreflexive Reisen ins eigene Innere. Und schließlich leben wir in einem Land, von dem die Kurator:innen sagen, dass sein öffentlicher Diskurs und die Politik zunehmend von Ängsten geprägt sind, die aus einer lokal verengten, häufig hegemonialen und zugleich lokal verhafteten Weltsicht herrührten.

 

Was erwartet die Besucher:innen?

Sie betreten im Hauptraum zunächst eine Brücke, die selbst Teil eines Gesamtkunstwerkes zu sein scheint, erblicken rechts und links Videoinstallationen. Von dort aus erblicken sie in der Tiefe des Raumes Exponate der unterschiedlichsten Kulturen und Zeiten, die sie absichtlich zunächst ausschließlich mit allen Sinnen aufnehmen sollen.

 

Aus dieser Vielfalt seien herausgegriffen:

Die hängenden Torsi von Jimmy Ong. Es sind aus Textilien geformte textile Skulpturen in Form männlicher, verstümmelter Körper in „Shibari Fesselung“. Der Künstler fängt damit die Auswirkungen der nationalen Identifikation des Stadtstaates Singapur mit dem britischen Kolonialisten Thomas Stanford Raffles ein, der im Stadtstaat als Gründungsfigur verehrt wird.

Die textilen Figuren spiegeln die Dissonanz in der Haltung zu diesem Reisenden des 19. Jahrhunderts wider. Denn schon im benachbarten Indonesien wird Raffles mit Kriminalität und Gewalt assoziiert, ist also gar kein gern gesehener Gast.

Auf den ersten Blick mit einem männlichen Fokus geschaffen, erschließt sich beim Berücksichtigen des Entstehungskontextes ein anderer, tieferliegender Gehalt: Die Figuren wurden in Anspielung auf die Verflechtungen des Kolonialismus mit der lokalen Textilindustrie vom Künstler gemeinsam mit den Textilarbeiterinnen aus Yogiakarte hergestellt und bedruckt. Von ihnen in traditioneller Batiktechnik eingefärbt und bestickt mit Auszügen aus Raffles Buch „History of Java“, begehen die Näherinnen damit einen symbolischen Akt der Quälerei, der auf die spielerische und transzendente kollektive Verarbeitung der Erfahrungen von Beherrschung und Unterwerfung abzielt.

 

Weiter gibt der kuratorische Essay an: Die Ausstellung wähle die Gegenwart als Ausgangspunkt, nehme aber die aktuellen Ausprägungen wesentlich älterer Spannungen in den Blick, die um die Frage kreisen, wer willkommen ist und wer nicht, wessen Perspektiven willkommen sind und welche nicht und wer über die Grenzbereiche entscheide.

Das zweite Beispiel wähle ich, da ich zum gleichen Gegenstand künstlerisch gearbeitet habe, wie die in der Ausstellung vertretene brasilianische Künstlerin Nadiá Taquary. Daher kann ich in ihren Arbeiten eine Verbindungslinie zur Kunsttherapie aufspüren. Ihre Arbeiten verweisen mit der Verwendung von Materialien wie Metall, Glasperlen und Muscheln auf afrobrasilianische sakrale Traditionen. Kaurimuscheln spielen in den spirituellen Praktiken des Candomblé und in den westafrikanischen Yoruba-Gesellschaften eine herausragende Rolle, da sie für die Kommunikation zwischen der irdischen und der spirituellen Welt benutzt werden. Die Künstlerin interessiert sich insbesondere für starke Frauenfiguren, wie sie überall im Candomblé präsent sind. Ihre in Berlin gezeigten Werke beziehen sich auf verschiedene der Orishas (Geister).

Eine davon ist Yemania. Sie ist die Mutter aller Orishas und Schutzherrin der Flüsse und Gewässer und wird in ihrer ursprünglichen nigerianischen-Heimat in der Sprache der Igbo auch als Nne Mmiri oder ‚Mama Water‘ bezeichnet.

Selbst von wilder Natur, ist Yemanyá oder Mama Water für das Gleichgewicht derjenigen Menschen zuständig, die sich mit den gesellschaftlichen Normen nur schwer abfinden können. Mama Water-Priesterinnen sind Psychotherapeutinnen und behandeln Menschen, die in solche Konflikte geraten sind, mit Malerei, Musik und Tanz.

Nach Brasilien zwangsverschleppte Frauen der Igbo brachten die Tradition nach Brasilien und gründeten z.B. spirituelle Orden wie denjenigen der „Irmandade da Nossa Senhora da boa Morte“, die sie der katholischen Beeinflussung abtrotzten. Die Schwesternschaft kaufte Frauen aus der Sklaverei los, um ihnen „einen guten Tod“ nach einem Leben in Würde und Freiheit zu ermöglichen. Noch heute unterstützt sie mittellose Frauen und feiert jährlich das Fest zu Ehren von Yemanyá.

 

Die Ausstellung geht im Juni zuende.

Doch nach der Sommerpause dürfen wir gespannt sein auf das Forschungsprojekt und die Ausstellung zu „Global Facisms“, laut Ankündigung des Hauses mit einer kritischen Untersuchung der ästhetischen, sozialen und politischen Dynamik des Faschismus als fortwährender globaler Herausforderung. Die AGIK wird berichten.

 

Die fotografierten Ausstellungseindrücke sind von Barbara Stellbrink-Kesy. Sie dürfen mit freundlicher Genehmigung des Haus der Kulturen der Welt in Berlin in diesem Artikel gezeigt werden.