Wissenschaftliche Forschung zu künstlerisch-therapeutischen Interventionen im klinischen Setting ist essenziell für die Anerkennung der Künstlerischen Therapien. Das geplante Projekt KlangKunst widmet sich in einem multizentrischen Vorhaben der Untersuchung von Musiktherapie und Kunsttherapie in der Begleitung von Frauen mit Komplikationen in der Schwangerschaft.
Die Redaktion von Kunsttherapie-aktuell hat dazu ein Interview mit Prof. Dr. Petra Saltuari geführt. Sie hat gemeinsam mit PD Dr. Susann Kobus die Projektleitung.
Wie ist die Idee zu „KlangKunst“ entstanden und was war der Auslöser, Künstlerische Therapien gerade in der pränatalen Phase einzusetzen?
Petra Saltuari: Ich habe mich bereits in meiner Dissertation mit dem Thema Kunsttherapie in der Schwangerschaft, insbesondere bei Risikoschwangerschaften, auseinandergesetzt. Die damalige Forschung war überwiegend qualitativ ausgerichtet und wurde durch Prä-Post-Fragebögen zum subjektiven Empfinden sowie durch Expertinneninterviews mit zwei Oberärztinnen ergänzt.
Die vorgeburtliche Phase hat eine zentrale und prägende Bedeutung. Wir wissen, dass die frühe Kindheit entscheidend für die weitere Entwicklung ist – warum sollten Schwangerschaft und Geburt weniger wichtig sein? Mittlerweile gehe ich davon aus, dass gerade diese Zeit einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes hat. Stresshormone der Mutter können die Plazenta passieren, und es gibt umfangreiche Forschung dazu, welche Auswirkungen dies auf die kindliche Entwicklung haben kann. Bindung und Stress stellen wesentliche Parameter dar: Sicher gebundene Menschen sind in der Regel resilienter und gesünder, während anhaltender Stress das Nervensystem langfristig beeinträchtigen kann.
Nun starte ich gemeinsam mit Susann Kobus und der Universitätsklinik Essen ein kooperatives Forschungsprojekt. Susann Kobus, Projektleiterin des Zentrums für Künstlerische Therapien in Essen, Musiktherapeutin und Privatdozentin an der Universität Duisburg-Essen, verfügt über umfangreiche Erfahrung in der Arbeit mit Frühgeborenen und ihren Familien. Geplant ist eine groß angelegte, multizentrische, randomisiert-kontrollierte Studie. Wir möchten mit mehreren Kliniken kooperieren, um eine ausreichend große Stichprobe zu gewährleisten, und haben bereits verschiedene Einrichtungen angefragt.
Das primäre Ziel der Studie ist die Reduktion der Stressbelastung von Schwangeren, die aufgrund von Komplikationen stationär medizinisch versorgt werden müssen.
Das sekundäre Ziel ist die Untersuchung der Wirksamkeit einer Kombination von Kunsttherapie und Musiktherapie auf die Bindung zwischen Mutter und Kind während einer solchen stationären Versorgung.
Was geschieht konkret in den kunst- und musiktherapeutischen Sitzungen mit den Schwangeren und wie kann dieser Prozess die Bindung zwischen Mutter und Kind fördern?
In den kunst- und musiktherapeutischen Sitzungen erhalten die Schwangeren zehn Einheiten à 60 Minuten, die ein- bis zweimal pro Woche stattfinden.
Zu Beginn liegt der Schwerpunkt auf dem Wohlbefinden der Mutter und der Stärkung ihres inneren Erlebens. Dies kann beispielsweise durch das Gestalten eines „Sicheren Ortes“ oder eines persönlichen Wohlfühlortes geschehen. Dadurch wird eine innere Atmosphäre von Ruhe und Selbstfürsorge geschaffen, die eine wichtige Grundlage für Bindungsprozesse bildet.
Im weiteren Verlauf folgen Methoden, die direkt auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind ausgerichtet sind, etwa eine angeleitete „Reise zum Baby“. Dabei werden innere Bilder, Emotionen und körperliche Empfindungen zur Schwangerschaft bewusst wahrgenommen und anschließend künstlerisch gestaltet. Auch das Anfertigen eines „Portraits nach einem Ultraschallbild“ unterstützt die Visualisierung und Vertiefung der kindlichen Präsenz im Erleben der Mutter.
Die kunsttherapeutischen Prozesse werden durch musiktherapeutische Elemente ergänzt, beispielsweise durch den Einsatz einer Sansula (eine Form des Daumenklaviers) vor und während des Gestaltens. Die beruhigenden, resonanten Klänge können dabei helfen, Stress zu reduzieren, eine Atmosphäre von Sicherheit aufzubauen und den Zugang zu inneren Bildern und Emotionen zu erleichtern.
Die kombinierte Therapie kann auf mehreren Ebenen bindungsfördernd wirken (was es nun natürlich noch zu untersuchen gilt, aber das sind unsere Hypothesen):
- Stressreduktion: Fachtherapeutisch begleitetes Künstlerisches Gestalten und Musik senken nachweislich Stress und fördern Entspannung. Weniger mütterlicher Stress wirkt sich positiv auf das fetale Umfeld und die emotionale Verbindung aus.
- Erhöhte Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung: Die Übungen unterstützen die Mutter darin, bewusster in ihren Körper hineinzuspüren und Schwangerschaftserleben wahrzunehmen – zentrale Voraussetzungen für die Entwicklung einer feinfühligen Haltung.
- Innere Repräsentation des Babys: Durch das Gestalten innerer Bilder, das Visualisieren des Babys und die Beschäftigung mit dem Ultraschallportrait entsteht eine klarere, emotional stärker verankerte Vorstellung vom Kind.
- Emotionale Regulation: Kreative Prozesse ermöglichen es, Ängste, Unsicherheiten oder Belastungen auszudrücken und zu transformieren. Eine emotional stabilere Mutter kann leichter eine positive, liebevolle Verbindung zum Kind aufbauen.
- Ritualisierte Zuwendung: Die regelmäßigen Sitzungen schaffen Verbindlichkeit und wiederkehrende Momente der bewussten Zuwendung zum Baby – eine Art pränataler „Beziehungsraum“.
- Förderung von Selbstwirksamkeit: Mütter erleben, dass sie aktiv etwas für ihr Wohlbefinden und für die Beziehung zu ihrem Kind tun können, was das Gefühl von innerer Stärke fördert.
Die Kontrollgruppe erhält ebenfalls kreatives Material, jedoch ohne therapeutische Begleitung. So kann der Einfluss der professionellen kunst- und musiktherapeutischen Intervention im Vergleich zu reinem freiem Gestalten untersucht werden.
Das Projekt verbindet Kunsttherapie und Musiktherapie in einem klinischen Setting. Welche Rolle spielt die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzt:innen und Pflegekräften dabei?
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kunst- und Musiktherapeut:innen, Ärzt:innen sowie Pflegekräften spielt in diesem klinischen Setting eine zentrale Rolle. Eine hohe Akzeptanz und ein gegenseitiges Verständnis der jeweiligen Professionen sind entscheidend, damit die Interventionen optimal in den Behandlungsalltag integriert werden können.
Zum einen ermöglicht der Austausch im Team eine ganzheitliche Perspektive auf die Patientinnen. Ärzt:innen und Pflegekräfte tragen medizinisches und pflegerisches Wissen bei, während Kunst- und Musiktherapeut:innen psychisch-emotionale Prozesse in den Blick nehmen. Durch diese Verzahnung können körperliche, seelische und psychosoziale Aspekte besser miteinander verbunden und individuell auf die Bedürfnisse der Schwangeren abgestimmt werden.
Respekt, Wertschätzung und ein strukturierter Austausch (z. B. in Besprechungen oder kurzen Übergaben) tragen dazu bei, dass die therapeutischen Angebote nicht als „Zusatz“, sondern als integraler Bestandteil einer umfassenden Versorgung wahrgenommen werden. Dadurch steigt die Bereitschaft aller Beteiligten, das Projekt aktiv zu unterstützen.
Letztlich stärkt eine gut funktionierende interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht nur die Wirksamkeit der kunst- und musiktherapeutischen Interventionen, sondern verbessert auch die Behandlungsqualität insgesamt – was sich positiv auf das Wohlbefinden der Mutter und auf die pränatale Bindung auswirken kann.
Warum kann „KlangKunst“ auch ein wichtiger Schritt für die berufspolitische Anerkennung Künstlerischer Therapien im medizinischen Bereich sein?
„KlangKunst“ könnte ein wichtiger Schritt für die berufspolitische Anerkennung Künstlerischer Therapien im medizinischen Bereich sein, weil das Projekt die Wirksamkeit kunst- und musiktherapeutischer Interventionen wissenschaftlich überprüfbar macht. Sollten die Ergebnisse der Studie zeigen, dass diese Therapieform Stress reduzieren und die pränatale Bindung stärken kann, wäre dies ein starkes Argument dafür, Künstlerische Therapien als festen Bestandteil medizinischer Versorgung anzuerkennen. Im klinischen Umfeld werden neue Verfahren meist erst dann dauerhaft etabliert, wenn deren Wirksamkeit durch hochwertige Studien – wie randomisiert-kontrollierte Untersuchungen – belegt ist. Genau hier setzt „KlangKunst“ an: Die Studie schafft Daten, die für Entscheidungsträger:innen, Krankenkassen, Kliniken und Berufsverbände nachvollziehbar und überzeugend sind.
Das Forschungsprojekt wird aktuell über Spenden finanziert. Welche Formen der Unterstützung sind für die Umsetzung notwendig?
Die Spenden sollen es ermöglichen, dass in den Kliniken, in denen aktuell noch keine Kunst- und Musiktherapeut: innen in der Frauenklinik angestellt sind, diese zunächst für das Studienprojekt finanziert werden können. Kliniken, die kooperieren, sollten die spendenbasierte Finanzierung aktiv unterstützen.
Wer das Projekt finanziell unterstützen möchte, kann sich bei Fragen gerne an mich wenden. (s.u.)
Ein Beispiel, das ich selbst initiiert habe und die Umsetzung über Spenden erleben durfte, ist am Klinikum Frankfurt Höchst. Dort wurde Kunsttherapie in der Frauenklinik zunächst über Gelder der Elternschule finanziert. Ich hatte ein Konzept für die Kunsttherapie in der Frauenklinik verfasst und mich damit initiativ beworben. Nachdem sich der Nutzen über mehrere Jahre im klinischen Alltag bestätigt hatte, wurde schließlich eine feste Stelle geschaffen, die bis heute existiert. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass sowohl wissenschaftliche Ergebnisse als auch praktische Erfahrungen zur langfristigen Anerkennung beitragen.
„KlangKunst“ könnte somit ein Modellprojekt sein, das zeigt, wie Künstlerische Therapien im medizinischen Bereich wirksam eingesetzt werden können und dass sie einen wichtigen Platz im klinischen Setting einnehmen.
Weitere Informationen zum Projekt und Kontakt zu den Projektleiterinnen: https://www.zfkt.de/klangkunst/
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