Eine sitzende Person, deren Oberkörper und Arme zu sehen sind, knetet in ihren Händen das Material Ton. ©iStock.com/Dima Berlin

Weiterbildung „Künstlerische Forschung in der Kunsttherapie“

An der HfBK Dresden fand vom Mai 2024 bis November 2025 an insgesamt sechs Wochenenden die Weiterbildung „Künstlerische Forschung in der Kunsttherapie“ statt.

Prof. Dr.in Alexandra Hopf, Prof. Dr. Tobias Loemke und Prof. Dr. Till Baumhauer vermittelten hier aus verschiedenen Blickwinkeln, wie künstlerisch-ästhetische Prozesse Wissen generieren können, wie dieses dokumentiert, präsentiert und reflektiert werden kann. Neben Vorträgen und praktischen Übungen hatten die Teilnehmenden Raum, ihre eigenen Projektideen einzubringen, zu besprechen und über die Fortbildungsdauer weiterzuentwickeln.

Künstlerische Prozesse und damit auch die Kunsttherapie sind von vorsprachlichen und leiblichen Prozessen geprägt, die sich nicht ohne Bedeutungsverlust in Konzepte und Daten überführen und Außenstehenden vermitteln lassen (vgl. Polanyi 2009, Visse, Hansen, Leget 2019). Wir als Kunsttherapeut:innen sowie unsere Patient:innen erleben das Heilungspotenzial kunsttherapeutischer Prozesse damit hautnah, während wir für die externe Legitimation immer noch kämpfen müssen. In den dafür zuständigen Leitlinienverfahren werden messbare Wirksamkeitsnachweise, vor allem in Form quantitativer Daten, gefordert, um verschiedene Ansätze untereinander in ihrer Wirkung vergleichen zu können. Es ist daher notwendig, quantitative Forschung durchzuführen, die begrifflich gefasste, standardisierte Effekte messen kann. Diese messbaren Effekte basieren auf bereits definierten Konzepten, die die quantitative Forschung aber nicht selbst aufstellen kann, weswegen andere Forschungsmodalitäten relevant bleiben. Die qualitative Forschung kann die notwendigen Konzepte zwar aufstellen, kommt aber auch in der Konzeptualisierung des impliziten Wissens der künstlerischen Dimensionen an ihre Grenzen.

Im Gegensatz dazu produziert und reflektiert künstlerische Forschung implizites Wissen durch künstlerische Handlung und versucht dieses dann nicht zu konzeptualisieren, sondern durch künstlerisch-ästhetische Artefakte zu repräsentieren und intersubjektiv erfahrbar zu machen (vgl. Eisner 2008, Rolling 2013). Künstlerische Forschung ist daher kein Ersatz für quantitative und qualitative Forschung, da sie weder Daten noch diskursive Konzepte fördert. Der künstlerische Zugang zu implizitem Wissen eröffnet uns aber die Möglichkeit, erfahrungsbezogene Dimensionen kunsttherapeutischer Prozesse, so nah es nur möglich ist, nachzuvollziehen und damit innovative Methoden zu entwickeln, ohne sprachlich limitiert zu werden. Die Vermittelbarkeit impliziten Wissens durch künstlerische Artefakte wird allerdings immer noch diskutiert und ist auch von der ästhetischen Offenheit und Sensibilität des Publikums abhängig, weswegen eine Verbindung mit qualitativen Methoden für die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit fruchtbar ist.

Seit 2020 arbeite ich als Künstler im Sozialen und Kunsttherapeut schwerpunktmäßig mit erwachsenen Menschen und momentan vor allem im Rahmen der beruflichen Rehabilitation und Wiedereingliederung. Da die Tätigkeit primär ambulant bei meinen Patient:innen zu Hause ausgeführt wird, kann ich ihr Umfeld und ihre täglich genutzten Gegenstände einbinden. Verwenden wir nämlich Alltagsgegenstände in künstlerischen Kontexten, holen wir sie aus ihren alltäglichen, zweckorientierten Zusammenhängen und bringen sie in ungewohnte, mehrschichtige Situationen, wodurch neue Sichtweisen eröffnet werden können (Bube, 2018). In diesem Zusammenhang habe ich mich spezifisch mit Videospielen beschäftigt, die für mich und viele meiner Patient:innen ein wichtiger Teil des Alltags sind. Zum Teil werden diese von meinen Patient:innen aber nicht nur als gesundes Hobby, sondern auch als Coping-Mechanismus genutzt, nicht reflektiert und sind mit starren Erwartungshaltungen und Handlungsstrategien verbunden.

Die Erfahrungsdimensionen des Videospielens sind damit sehr komplex und zeigen auch therapeutische Relevanz. Vielfach wurde in diesem Kontext versucht, qualitativ und quantitativ die Erfahrung des Videospielens zu beschreiben. Und doch ist es für Nicht-Videospielende nicht durch Daten und diskursive Sprache nachvollziehbar. Nutze ich jedoch künstlerische Repräsentationen wie Gedichte und Performances, um die vorsprachliche Erfahrung des Videospielens darzustellen, kann diese oftmals besser nachvollzogen werden.

Bereits vor Start der Weiterbildung habe ich daher eine künstlerische Forschung entworfen, die einen künstlerisch-ästhetischen Zugang zu Videospielen fokussiert, der dem zweckorientierten Gaming gegenübersteht. Dazu habe ich ein Exposé erstellt und mich auf einen Promotionsplatz an der HfBK Dresden beworben, wurde aber zunächst abgelehnt. Künstlerische Forschung bietet für mein Projekt eine wichtige Perspektive, die sich nicht durch quantitative und qualitative Forschung ersetzen lässt. Gleichzeitig fiel mir der Einstieg in die künstlerische Forschung schwer, da in der Literatur viele verschiedene Sichtweisen existieren, die sich weder terminologisch noch methodisch eindeutig aufeinander beziehen. Da künstlerische Prozesse und damit auch die künstlerische Forschung von ihrer Prozessoffenheit leben, sind sie schwieriger zu manualisieren als qualitative und quantitative Methoden. Die künstlerische Forschung startet daher eher mit methodischen Prinzipien statt mit ausformulierten Methoden und entwickelt sich im Verlauf der Forschung weiter. Das birgt das Potenzial, eine sehr spezifische, innovative Methodik entwickeln zu können. Gleichzeitig hatte ich anfangs Schwierigkeiten, die Verunsicherung, die durch die Prozessoffenheit entsteht, aushalten und produktiv nutzen zu können.

Während der Weiterbildung hatte ich die Möglichkeit, mit den Lehrenden über spezifische Fragen und Hindernisse ins Gespräch zu kommen sowie mein Projekt zu präsentieren und Feedback zu erhalten. In Verbindung mit den Vorträgen und praktischen Übungen hat mir die Weiterbildung so geholfen, die verschiedenen Perspektiven auf künstlerische Forschung zu ordnen, praktisch anzureichern und mein Projekt auszuarbeiten. Im Laufe der Fortbildung habe ich dann ein weiteres Exposé mit künstlerisch-qualitativer Ausrichtung eingereicht, das schlussendlich angenommen wurde. Und auch neben meiner laufenden Promotion war die Weiterbildung hilfreich, indem mir immer wieder neue Perspektiven und Methoden aufgezeigt wurden und ich im Kontakt mit Lehrenden und Teilnehmenden meine Arbeit weiterentwickeln konnte. Daraus sind mittlerweile nicht nur eine genauere Forschungsmethodik, sondern auch mehrere Interventionen gewachsen. Für die kunsttherapeutische Praxis nehme ich die künstlerische Forschung daher auch ohne Fokus auf wissenschaftliche Forschung mit. Sie lässt sich nämlich zur Weiterentwicklung der eigenen Interventionen verwenden, indem sie künstlerisch-ästhetische Prozesse in ihrer eigenen Sprache reflektiert und damit offenlegt, was dabei eigentlich passiert, welche Dimensionen dabei entstehen und was noch sein könnte. Unter anderem ist so eine Intervention entstanden, in der zunächst in Videospielen Fotos aufgenommen werden, die anschließend analog in mehreren Bildebenen neu kontextualisiert werden (Bild 1).

Drei umgedrehte Leinwände nebeneinander. Diese sind am Holzrahmen sowie auf der Leinwandvorder- und Rückseite stellenweise mit Videospielfotos beklebt und mit Schrift und Zeichnung versehen. © Jan-Erik Wiegert, 2026

Künstlerische Forschung lässt sich außerdem auf therapeutisch relevante Fragestellungen unserer Patient:innen anwenden und sie selbst zu Forschenden werden, nur eben nicht im Hinblick auf wissenschaftliche Forschung, sondern auf ihre eigenen Heilungsprozesse.

Künstlerische Forschung ist daher kein Ersatz für quantitative und qualitative Forschung, sondern eine zusätzliche Bereicherung. Ich halte künstlerische Forschung sogar für eine notwendige Erweiterung der Kunsttherapie, da sie künstlerisch-ästhetische Prozesse als ihr Alleinstellungsmerkmal und spezifische Erkenntnis- und Wirkdimension sichtbar macht und weiterentwickelt. Gleichzeitig muss für eine fruchtbare Implementierung der Einstieg in künstlerische Forschung durch übersichtliche Grundlagenwerke erleichtert werden und könnte als Thema stärker in die Ausbildung integriert werden. Die Weiterbildung „Künstlerische Forschung in der Kunsttherapie“ legt in diesem Prozess einen wichtigen Grundstein, auf dem wir als Profession aufbauen sollten.

Die Weiterbildung wird das nächste Mal in einer überarbeiteten Version vom November 2026 bis Oktober 2027 unter dem Titel „Künstlerisches Forschen – Innovative Forschungsansätze für die Kunsttherapie“ angeboten.

 

Literatur:
Bube, A.: Alltagsgegenständliche Kunst und ihr Erkenntnis- und Wirkungspotenzial. Berlin 2018.

Eisner, E. (2008): Art and Knowledge. In Knowles, J. G., Cole, A. L.: Handbook of the Arts in Qualitative Research: Perspectives, Methodologies, Examples, and Issues (S. 3-12). Los Angeles: Sage Publications.

Polanyi, M. (2009): The Tacit Dimension. Chicago: University of Chicago Press.

Rolling, J. H. (2013): Arts-Based Research. New York: Peter Lang.

Visse, M., Hansen, F., & Leget, C. (2019). The Unsayable in Arts-Based Research: On the Praxis of Life Itself. International Journal of Qualitative Methods, 18. https://doi.org/10.1177/1609406919851392