Zwischen künstlerischem Ausdruck, biografischer Erschütterung und dem behutsamen Sichtbarwerden innerer Ressourcen eröffnete die Ausstellung einen nachhaltigen Einblick in die kunsttherapeutische Arbeit mit Überlebenden sexualisierter Gewalt.
Der Ausstellungsbesuch im Württembergischen Kunstverein Stuttgart wurde durch eine kostenlose Führung der beiden Kunsttherapeut:innen Karin Kirschmann und Ulrike Rizza von Wildwasser e.V. begleitet. Wildwasser Stuttgart ist eine Fachberatungsstelle für Frauen[1], die Schutz- und Freiraum für die Bewältigung von Erfahrungen sexualisierter Gewalt und deren Folgen anbietet. Begleitend zur Ausstellung entstand außerdem ein Booklet.
Die Führung startete um 16 Uhr. Vorgestellt wurden die einzelnen Werke der Ausstellung, ergänzt durch Hintergrundinformationen zu den Urheber:innen und konkrete kunsttherapeutische Fallanalysen. Dabei wechselten sich die Kunsttherapeut:innen ab und schilderten mit viel Feingefühl und Empathie ihren persönlichen Eindruck aus den kunsttherapeutischen Sitzungen. Die in der Ausstellung angesprochenen Fälle waren vielfältig – und doch sind es vor allem die einschlägigen Erfahrungen sexualisierter Gewalt, teilweise von Geburt an, welche die Frauen ertragen mussten und die sie miteinander verbinden.
Durch den Schritt der Überlebenden, mit ihren Bildern an die Öffentlichkeit zu treten, wurden diese Erfahrungen dank der Ausstellung für ein breites Publikum sichtbar. Im Folgenden soll es um konkrete Arbeiten der Ausstellung gehen, die die kunsttherapeutische Arbeit mit dieser Klientel verdeutlichen. Die entsprechenden Werke sind über das Booklet einsehbar – die Bilder in diesem Artikel sollen einen Raumeindruck der Ausstellung vermitteln.
[1] sowie trans, inter- und nichtbinäre Personen (vgl. Wildwasser Stuttgart, 2026).
Die Ausstellung näherte sich den extremen Erfahrungen mithilfe künstlerischer Materialien auf sehr unterschiedliche Weise an. Ein zentrales Thema waren vielfältige Ressourcenbilder, die durch angeleitete Imaginationsübungen auf Grundlage von Märchen entstanden. Die ausgestellten Bilder zeigten eine gestalterische Auseinandersetzung mit Schutzsymbolen, Krafttieren oder anderen Helferwesen. Gleich zu Beginn wurde ein Bild vorgestellt, das an eine Pflanzenknolle erinnert. In dieser Pflanzenknolle manifestiert sich das Potential und die Kraft, die eine Klientin spontan in der ersten Stunde malte und die ihr Hoffnung und Zuversicht in einer Zeit des persönlichen Umbruchs schenkten.
Auf einem anderen Bild wurde ein farbenfroher Spielplatz für „kleine“ Innenanteile einer Frau mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) abgebildet. Hier sollten diese Persönlichkeitsanteile einen sicheren Ort bekommen. Zusätzlich wurde ein großer Heißluftballon gestaltet, der ein zentrales Element der Rettungsaktion eines Innenanteils darstellt. Im Verlauf des Artikels wird die Rettungsaktion genauer aufgegriffen.
Noch heute wird in der Fachwelt darüber gestritten, ob eine Abspaltung verschiedener Persönlichkeiten möglich ist und auf welcher Grundlage dies geschieht (vgl. Herzog et al., 2025). Klar ist, die Dissoziative Identitätsstörung wird sowohl im DSM-5, als auch im ICD11 aufgelistet (vgl. Antwerpes et al., 2026, Absatz 2). Als Gründe für die Entstehung der DIS wurden in der Ausstellung Erfahrungen extremer Gewalt (emotionale Vernachlässigung, sexualisierte Gewalt, Misshandlung, Folter, Krieg) in der frühen Kindheit geäußert, die zu einer Abspaltung verschiedener Persönlichkeiten führten. Dies deckt sich mit den persönlichen Erfahrungen aus meiner Arbeit mit Frauen mit DIS in einer geschützten Tageseinrichtung.
Neben den Ressourcenbildern wurden auch Übergangs- und Umbruchsphasen künstlerisch dargestellt, etwa in einem Bild mit einem Baum, der sich beinahe ohne Fundament wacker in der Mitte des Bildes hielt, umgeben von einem aufreißenden Boden, im Hintergrund ein brodelnder Vulkan, Meer und Sonnenuntergang. „Der notwendige Kontaktabbruch zur Herkunftsfamilie und andere Veränderungen im Leben scheinen den Baum auf den ersten Blick fast jeder Lebensgrundlage zu berauben.“ (Kirschmann & Rizza, 2025). Der Blick ist jedoch auf die Ressourcen gerichtet – den farbenfrohen Sonnenuntergang und das Ruhe ausstrahlende blaue Wasser. Freigesetzt durch den mutigen Schritt des Kontaktabbruchs richtet sich der Blick auf die im Hintergrund verborgenen Ressourcen und lässt langfristig Wachstum und Entwicklung zu. „Schöpferisch tätig zu sein, zu gestalten und zu verändern, zu einer stimmigen Form zu finden heißt auch, das Eigene wiederzufinden und in Kontakt zu sein mit dem durch die Traumatisierung unbeschädigten Bereich des Selbst.“ (Gromes, 2019, S. 132).
Gerade beim Arbeiten mit traumatisierten Menschen ist es von immenser Wichtigkeit, dass Patient:innen/Klient:innen nicht nur auf kognitiver Ebene verstehen, sondern sich auf emotionaler oder gar körperlicher Ebene angesprochen fühlen und berührt werden, um so selbst in Kontakt und „ins Fühlen“ zu kommen. Van der Kolk beschreibt dies ausführlich in The Body Keeps the Score (2014). Dies gelingt beispielsweise durch Bewegungsspuren und Formenzeichnen, wobei oftmals im Stehen auf großen Flächen gearbeitet wird, um den gesamten Körper zu involvieren, etwa durch Druck auf das Papier oder durch die Bewegungen der Arme.
Spuren- und Bewegungsbilder tragen zur erstmaligen Annäherung in der Kunsttherapie bei. Nicht immer können Klient:innen sofort auf Großformaten arbeiten. Besonders kleine Arbeiten in der Ausstellung stammen von einer komplextraumatisierten Klientin, die in ihrer Kindheit schwere Gewalt durch mehrere Täter:innen erlebt hatte. Kreativer Ausdruck war ihr damals untersagt, da befürchtet wurde, sie könne darüber das auferlegte Schweigen umgehen. Dennoch gestaltete sie heimlich auf sehr kleinen Zetteln oder fertigte winzige Objekte an, stets begleitet von der Angst, entdeckt zu werden. „In der kunsttherapeutischen Begleitung lag der Fokus zunächst darauf, Erlaubnisse zu geben. Die Klientin wurde ermutigt, verschiedene Materialien auszuprobieren und sich behutsam an größere Formate heranzuwagen. Der Schritt von winzigen Zetteln hin zu A 4-Blättern kam einem großen Wagnis gleich und erforderte großen Mut. Mit Tusche und Feder und feinen Pinseln wurden erste zarte Spuren aufs Papier gesetzt.“ (Kirschmann et al., 2025).
"Der Umgang mit dem gestalterischen Material unterstützt zugleich ein Begreifen und Handhaben der aktuellen Thematik auf einer anderen Ebene. Bilder und Gestaltetes können zum Container für Belastendes werden, schaffen einen Zugang zu Veränderung fördernden Kräften und werden zum Anker für heilsame Erfahrungen. Verschüttetes kann gesehen, geborgen und versorgt werden. Isoliertes findet Anschluss und bekommt einen Platz. […] Neben dem Zugang zu eigenen Fähigkeiten, zu der Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Selbstermächtigung, können die neuen Erfahrungen auch dabei helfen, alte Muster und negative Glaubenssätze zu überwinden. Besonders für Patienten mit frühen traumatischen Beziehungserfahrungen stellen die Verbesserung des Selbstbezugs und die Korrektur dysfunktionaler Glaubenssätze wichtige Behandlungsziele dar.“ (Gromes, 2019, S. 132).
Erinnerungen sind häufig sensorisch-perzeptiv verknüpft, etwa mit Bildern, Geräuschen, Gerüchen oder auch Körperempfindungen. Farben, Formen, Materialien und Bewegungen können solche impliziten Gedächtnisinhalte aktivieren, ohne direkt zu überwältigen. Dem Nervensystem müssen Schutz, Halt und Vertrauen vermittelt werden, um nicht dauerhaft im Überlebensmodus zu agieren. „Dabei ist der Bildraum zum einen ein Raum des ‚Als ob‘, der den Handlungsspielraum erweitert und Probehandeln ermöglicht, zum anderen besitzt er seine eigene Wirklichkeit, die atmosphärisch erfahrbar ist. So kann im begrenzten und geschützten Rahmen des Blattes ein heilsamer therapeutischer Prozess der Aneignung und Verwandlung beginnen. Hinzu kommt, dass jeder Gestaltungsprozess den flüssigen Wechsel zwischen Positionen erfordert und damit die Fähigkeit zur Flexibilität trainiert.“ (Wendland-Baumeister, 2012, S. 138).
Zentrale Themen bei der kunsttherapeutischen Arbeit mit Menschen mit Traumafolgestörung bzw. DIS sind die Darstellung verletzter, kindlicher Anteile bzw. Innenpersonen und die Auseinandersetzung mit vitalen Eigenschaften. In einer Gestaltung einer Klientin „wurde deutlich, dass das Kind vollkommen haltlos und verloren ist und droht, unterzugehen. Das Kind, das um Hilfe schreien möchte, wird nicht gehört. Sein Schrei richtet sich nach innen. Niemand nimmt die ausweglose Situation des Kindes wahr.“ (Kirschmann et al., 2025). Ein Vogel in der Hand des Kindes wird als schützende Geste interpretiert, die etwas Heiles im Innen symbolisiert. Das Bewusstwerden ermöglichte der Klientin, sich in weiteren Gestaltungen mit den Traumata ihrer Kindheit auseinanderzusetzen.
Eine besonders beeindruckende Arbeit war die Rettungsaktion im Prozess. Ausgangspunkt der Gestaltung war die Idee einer Klientin, zwei kindliche Innenpersonen in einem Heißluftballon gemeinsam mit einem Helferwesen an einen sicheren Ort zu bringen. Während des Gestaltungsprozesses kam sie jedoch mit einer weiteren kindlichen Innenperson in Kontakt, die Vernachlässigung und schwere Misshandlungen erlebt hatte. Diese zeichnete sie zunächst auf einem separaten Blatt. Anschließend entwickelte sie eine „Rettungsaktion“, bei der sie die Figur durch das Ansetzen weiterer Blätter und mithilfe der Collagetechnik in das bereits begonnene Bild integrierte. Durch diese Erweiterung der Gestaltung eröffnete sich für die Klientin ein neuer Handlungsspielraum, der im deutlichen Kontrast zur früher erlebten Ohnmacht in ihrer Kindheit steht.
Das Gestalten in der Kunsttherapie aktiviert affektive und implizite Inhalte, die ansonsten häufig rationalisiert oder abgewehrt werden. „In den Bildern und Objekten wird sichtbar, was Worte oft nicht fassen können: Das tiefe Erschüttertsein durch die Erfahrung von Gewalt, die Scham, das Schweigen – aber auch der Wille zu leben, die Suche nach Sinn, nach Schönheit, nach einem neuen inneren Gleichgewicht. Jedes Werk ist ein Stück gelebter Heilung. Ein Schritt auf einem Weg, der nicht linear verläuft, sondern von Rückschlägen und Neubeginn geprägt ist.“ (Wildwasser, 2026, Absatz 4).
Zuletzt eine Arbeit, die am Anfang der Ausstellung vorgestellt wurde und simpel, jedoch zugleich eindrücklich ist. „Dreihunderteinundzwanzig“ sexuelle Übergriffe wurden im Nachgang mit blauen Klebestreifen markiert und auf diese Weise katalogisiert. Die grafisch-abstrakte Umsetzung diente der Klientin dabei als Distanzierungshilfe und ermöglichte es ihr zugleich, ein Stück weit Kontrolle über das Vergangene zu gewinnen. Die Masse dieser blauen Klebestreifen macht die abstrakte Zahl greifbar – Streifen für Streifen, Übergriff für Übergriff.
Neben all dem Schweren und Unsagbaren, das in der Ausstellung abgebildet wurde, gibt es eine Vielzahl an Gegenstücken, die dank der Kunsttherapie sichtbar wurden. „If I can do it on paper, I can do it in life (Wenn es mir auf Papier gelingt, gelingt es mir auch im Leben)“ (Zitat aus der Broschüre: Kirschmann et al., 2025).
Auch textile Gestaltungsprozesse können in der Kunsttherapie eine besondere Wirkung entfalten. Beim Filzen werden lose Wollfasern durch warmes Wasser, Reibung und Bewegung miteinander verbunden. Eine Klientin fertigte mehrere Filzkugeln an, die sowohl der Traumaverarbeitung als auch der Stabilisierung dienten. Besonders das Kugelfilzen kann durch die schützende Geste der Hände und die wiederholenden kreisenden Bewegungen Zentrierung, Rhythmus sowie ein Gefühl von Innigkeit und Verbundenheit fördern. Die haptische Erfahrung steht hierbei im Vordergrund.
„Kunsttherapie ist für mich eine Reise, die mich nicht nur auf kreative, sondern auch auf emotionale Weise tief berührt. Ich entdecke immer wieder neue Wege, um mit Stress, Angst und Überforderung umzugehen.“ (Zitat aus der Broschüre: Kirschmann et al., 2025).
Alles in allem war es eine gelungene Ausstellung. Sie war sorgfältig vorbereitet und kuratiert, bedacht und wertschätzend inszeniert und wurde von den beiden Kunsttherapeutinnen eindrucksvoll vermittelt.
Ich schätze es sehr, dass diese Ausstellung in Zeiten realisiert werden konnte, in denen weltweit deutlicher denn je sichtbar wird, welche Kreise sexuelle Übergriffe und gezielte Ausbeutung von Frauen[2] ziehen und wie lange Täter:innen unentdeckt bleiben, ehe die Überlebenden den Mut fassen können, über Geschehenes zu berichten – oder, wie hier sichtbar wurde, sich auszudrücken, einen Raum zuzugestehen, gesehen zu werden und Geschehenes verarbeiten zu können, um daraus neue Kraft und Mut zu schöpfen.
Die Ausstellung bleibt nicht nur als dokumentarisches Zeugnis traumatischer Erfahrungen und Verletzungen in Erinnerung, sondern auch als kraftvolles Zeichen dafür, wie Kunsttherapie Räume für Würde, Wandlung und inneres Wachstum eröffnen kann.
[2] Frauen, Kinder und Jugendliche, aber auch Männer sind betroffen.
Literatur:
Antwerpes, F., Reh, F., Schuckel, S., Dernbach, A. E., Bachinger, F., Herzog, A., Fink, B., Merz, S., Westphalen, G. G. v., & Dr. No. (2026). Dissoziative Identitätsstörung. Abgerufen am 09.03.2026 von https://flexikon.doccheck.com/de/Dissoziative_Identit%C3%A4tsst%C3%B6rung
Gromes, B. (2019). Ressourcenorientierte Kunsttherapie mit traumatisierten Menschen. In P. Martius, F. Spreti, & P. Henningsen (Hrsg.), Kunsttherapie bei psychosomatischen Störungen (2. Aufl., S. 131–138). Elsevier.
Herzog, P., Kaiser, T., & Huntjens, R. J. C. (2025). Von hartnäckigen Fiktionen und unbequemen Wahrheiten über die dissoziative Identitätsstörung: Ein Faktencheck aus wissenschaftlicher Perspektive. Abgerufen am 09.03.2026 von https://www.psychotherapeutenjournal.de/2025/1/ptj202501.005
Kirschmann, K., & Rizza, U. (2025). Verletzungen überwinden – Leben gewinnen: Kreativität als Ressource. Wildwasser Stuttgart e.V. Abgerufen am 09.03.2026 von https://www.wildwasser-stuttgart.de/wp-content/uploads/2025/04/Broschuerefinal_richtigerQR.pdf
Van der Kolk, B. A. (2014). The body keeps the score: Brain, mind, and body in the healing of trauma. Viking.
Wendland-Baumeister, M. (2012). Kunsttherapie mit Folterüberlebenden. In F. Spreti, P. Martius, & H. Förstl (Hrsg.), Kunsttherapie bei psychischen Störungen (2. Aufl., S. 135–147). Elsevier.
Wildwasser Stuttgart. (2026). Wildwasser Stuttgart e.V. ist eine Beratungsstelle, die unterstützt, begleitet und berät. Abgerufen am 21.03.2026 von https://www.wildwasser-stuttgart.de/
©Alexandra Mayer, 2026